Die Parabel von den blinden Männern und dem Elefanten

Das genaue Alter wie auch die ursprüngliche Quelle dieser genialen Parabel sind unbekannt. Da es sich aber um ein Gleichnis mit einem Elefanten han- delt, liegt die Vermutung nahe, dass es aus Indien bzw. aus Südasien stammt, wo Elefanten seit eh und je von Natur aus leben. Die Parabel findet sich sowohl in den alten Veda-Schriften des Hinduismus als auch in jenen des Buddhismus und des Jainismus; sie ist somit mindestens dreitausend Jahre alt. Im 12. und 13. Jahrhundert taucht die Parabel auch in Sufi-Schriften in Vorderasien sowie beim persischen Mystiker und Dichter Rumi (1207–1273) auf. Spätestens seit Veröffentlichung des berühmten Gedichtes «The Blind Men and the Elephant» des Briten John Godfrey Saxe (1816–1887) im Jahre 1872 ist sie auch in Europa angekommen. Das bildhafte Szenario der Parabel sieht so aus: Eine Gruppe von Blinden untersucht einen Elefanten, um zu begreifen, worum es sich bei diesem Tier handelt. Jeder der Blinden steht an einem anderen Körperteil des Elefanten:



Der vermeintliche «Elefant», wie ihn die Blinden wahrgenommen zu haben glauben. (Illustrationen von Narada Demian Zürrer)
Der «Elefant», wie ihn die Blinden wahrgenommen haben. (Illustrationen von Narada Demian Zürrer)

Einer betastet den Rüssel, einer einen Stoßzahn, einer ein Ohr, einer ein Bein, einer den Bauch und einer den Schwanz. Derjenige, der am Rüssel steht, be- hauptet: «Ganz klar: Ein Elefant ist wie eine Schlange.» Derjenige, der den Stoßzahn untersucht, entgegnet: «Nein, ein Elefant ist wie ein Speer.» Die anderen aber beteuern, ein Elefant sei vielmehr wie ein Luftfächer, wie ein Baumstamm, wie eine Mauer oder wie ein Seil – je nachdem, wo sie gerade stehen. Jeder der Blinden beruft sich bei seiner Analyse und Beschreibung des Elefanten auf seine eigene, persönliche Erfahrung und Wahrnehmung. Alsdann beginnt eine angeregte Diskussion darüber, wer denn nun recht habe und was ein Elefant in Wirklichkeit sei. Natürlich können sie sich nicht einigen, und es entfesselt sich ein heftiger Disput unter ihnen. In der Parabel steht der Elefant sinnbildlich für die Wahrheit an sich, für die objektive Realität, für das große Ganze des Universums. Und die Blind- heit der Männer steht für die augenscheinlich beschränkte Fähigkeit des Men- schen, diese umfassende, universelle Realität in ihrer Ganzheit zu erkennen und angemessen zu beschreiben.

Die Frage lautet: Wer hat recht, und wer hat unrecht? Und die Antwort aus Sicht von jemandem, der nicht blind ist und der daher tatsächlich den Elefan- ten in seiner Ganzheit erkennt, kann nur lauten: Alle haben recht, und alle haben zugleich auch unrecht. Recht haben alle Blinden in der Hinsicht, dass jeder von ihnen den anderen eine authentische Wahrnehmung und Verwirk- lichung eines Teils des Elefanten vermittelt. Keinem der Blinden kann unter- stellt werden, dass er lüge, also bewusst die Unwahrheit sage. Denn wenn man nur den Rüssel des Elefanten ertastet, dann fühlt dieser sich in der Tat so ähnlich an wie eine Schlange, und wenn man nur ein Bein des Elefanten spürt, dann fühlt es sich in der Tat so ähnlich an wie ein Baumstamm. Aber unrecht haben alle in der Hinsicht, dass sie aufgrund ihrer Blindheit und ihrer beschränkten Wahrnehmungsperspektive fälschlicherweise annehmen, sie hätten nicht nur einen Teil des Elefanten untersucht und beschrieben, sondern den ganzen Elefanten. Der gesamte Streit zwischen den Blinden ist sowohl erkenntnistheoretisch als auch ethisch unnötig, und genau dies ist die philosophische Schlussfolge- rung, die uns diese Parabel nahezulegen sucht. Erkenntnistheoretisch betrachtet bestünde die Lösung des Problems dar- in, dass jeder der Blinden die Aussagen der anderen Blinden zunächst ernst nehmen und ihnen zugestehen würde, dass nicht nur er selbst, sondern auch alle anderen eine zwar subjektive, nichtsdestotrotz aber eine authentische Wahrnehmung und Verwirklichung des Elefanten schildern und dass ihre Schilderungen genauso «wahr» und genauso «richtig» sind wie seine eigene. Jeder der Blinden bräuchte bloß seine egozentrische und engstirnige Haltung ablegen, dass seine eigene Sichtweise die einzig richtige sei, und schon gäbe es keine Veranlassung mehr für Streit und Disput. In diesem konstruktiven Klima des gegenseitigen Zuhörens und Ernstneh- mens könnten die Blinden sogar noch einen Schritt weitergehen und begin- nen, ihren jeweiligen subjektiven Standpunkt zu verändern und damit ihren eigenen, unvollständigen Wahrnehmungshorizont zu erweitern. Derjenige, der am Rüssel steht und der den Elefanten bisher nur als schlangenähnlich wahrgenommen hat, könnte sich beispielsweise zu demjenigen begeben, der am Ohr steht, und dort eine völlig neue, ihm bislang unbekannte Seite des Elefanten kennenlernen. Wenn einer auf diese Weise einmal ganz um den Elefanten herumgehen würde, dann würde er nach und nach begreifen, wie groß und mannigfaltig ein Elefant ist und dass auch die anderen Blinden mit ihren subjektiven Ansichten und mit ihren Behauptungen durchaus recht hatten. Dies wäre sogar der Weg, die eigene Blindheit und Beschränktheit Schritt für Schritt zu überwinden und der Erkenntnis des «Elefanten an sich» näherzukommen. Bei dieser Parabel ist es unschwer zu entschlüsseln, dass die verschiede- nen Standpunkte der Blinden den verschiedenen Weltbildern und Erklärungs- modellen der Wirklichkeit entsprechen. Die Aufforderung des Gleichnisses lautet also: Wir sollten Menschen, die andere Weltbilder und andere Wahr- nehmungsperspektiven als wir haben, ernst nehmen und ihnen aufmerksam zuhören. Denn auf diese Weise können wir der unfassbaren, umfassenden Wahrheit ein Stückchen näher kommen. Solange wir aber glauben, unsere Sichtweise sei die einzig richtige und alle anderen lägen falsch, werden wir für das große Ganze weiterhin blind bleiben. Auch ethisch betrachtet ließe sich der Streit unter den Blinden dadurch vermeiden, dass keiner sich das Recht herausnehmen würde, jene mit einem anderen Verständnis von Wahrheit und von Realität gering zu schätzen, zu beschimpfen oder gar zu bekämpfen. Dies ist eine Frage der individuellen Tugendhaftigkeit eines Menschen: Auch wenn man den Standpunkt und die Verwirklichungen eines anderen nicht nachzuvollziehen vermag, auch wenn dessen Aussagen über die Realität sich mit der eigenen Wahrnehmung nicht vereinbaren lassen, heißt dies noch lange nicht, dass man ihm respektlos oder feindselig gegenüberzutreten braucht. Ethisch fortgeschrittene Men- schen sind in der Lage, andere Wahrnehmungen, andere Ansichten, andere Meinungen, andere Glaubensbekenntnisse und andere Weltbilder gelten zu lassen, ohne sich von ihnen angegriffen oder bedroht zu fühlen. Wer in sei- nen eigenen Überzeugungen gefestigt ist, braucht die Überzeugungen ande- rer nicht zu fürchten; er braucht auch keine Feindbilder, um sich wichtig und vermeintlich im Recht zu fühlen. Mit ein wenig Demut und Liebe im Herzen, mit ein wenig Weisheit und innerem Frieden im Bewusstsein wird er erken- nen, dass wir alle der absoluten Wahrheit gegenüber blind sind und dass wir dankbar dafür sein können, einen kleinen Teil des großen Ganzen kennen zu dürfen, ja sogar selbst ein kleiner Teil dieses großen Ganzen zu sein.


(Quelle: Psychologische Handanalyse | Band 2: Das Ermitteln des Dharma)